Prüfungsteil 1
Das Patientengespräch in der Fachsprachprüfung
Der erste Block ist der, in dem die meisten Punkte verloren gehen — nicht wegen fehlender Medizin, sondern weil die Anamnese unvollständig bleibt oder der Prüfling mit dem Patienten spricht wie mit einem Kollegen.
Stand: September 2026
Was die Kammer tatsächlich verlangt
Die Ärztekammer Westfalen-Lippe beschreibt den ersten Prüfungsteil so: Sie führen mit einem simulierten Patienten, den ein ärztliches Mitglied des Prüfungsausschusses spielt, ein Anamnesegespräch. Erfasst werden sollen die persönlichen Angaben, die aktuellen Beschwerden, die Vorerkrankungen sowie die Medikamenten-, die Sozial- und die Familienanamnese. Auf dieser Grundlage sollen Sie Verdachtsdiagnosen formulieren, sie dem Patienten mitteilen und auf seine Fragen und Äußerungen eingehen.
Zwei Sätze aus dieser Beschreibung entscheiden über die Note. Der erste: Neben dem sicheren Verstehen steht „eine für den Patienten klar verständliche Sprache unter Verwendung möglichst weniger Fremdwörter und medizinischer Fachtermini“ im Vordergrund. Der zweite: Sie dürfen Notizen machen, die Notizen fließen aber nicht in die Bewertung ein und müssen am Ende abgegeben werden. Bewertet wird also, was Sie sagen — nicht, was Sie aufschreiben.
Die Prüfung ist eine Sprachprüfung. Bewertet werden ausdrücklich die fachsprachlichen und sprachinhaltlichen Aspekte Ihrer Äußerungen, nicht Ihr klinisches Urteil. Eine falsche Verdachtsdiagnose, sauber hergeleitet und verständlich erklärt, kostet weniger als eine richtige, die niemand versteht.
Quelle: Ärztekammer Westfalen-Lippe, „Die Prüfung im Detail“, 1. Teil.
Ein Zeitplan, der in 20 Minuten aufgeht
Zwanzig Minuten klingen lang und sind es nicht. Wer ohne Plan anfängt, verbringt zwölf Minuten mit der Schmerzanamnese und hat am Ende weder Medikamente noch Allergien noch die Familienanamnese. Ein Raster, das sich in der Vorbereitung bewährt hat:
- 0:00–1:00 — Begrüßung, eigener Name und Funktion, Anrede des Patienten, kurzer Hinweis, dass Sie sich Notizen machen.
- 1:00–7:00 — aktuelle Beschwerden vollständig: Lokalisation, Charakter, Beginn, Verlauf, Ausstrahlung, Intensität, auslösende und lindernde Faktoren, Begleitsymptome.
- 7:00–10:00 — gezielte Systemfragen und Warnzeichen zum vermuteten Krankheitsbild.
- 10:00–14:00 — Vorerkrankungen, Operationen, Medikamente (Name, Dosis, seit wann), Allergien und Unverträglichkeiten.
- 14:00–17:00 — Familienanamnese und Sozialanamnese: Beruf, Wohnsituation, Rauchen, Alkohol, Bewegung, Belastung.
- 17:00–20:00 — Zusammenfassung in eigenen Worten, Verdachtsdiagnose verständlich mitteilen, weiteres Vorgehen ankündigen, Fragen des Patienten beantworten.
Die letzten drei Minuten sind der Teil, den Prüflinge am häufigsten streichen, wenn die Zeit knapp wird — und der Teil, der am deutlichsten bewertet wird. Fassen Sie lieber eine unvollständige Anamnese sauber zusammen, als eine vollständige abzubrechen.
Patientensprache: die Umformulierung ist die eigentliche Prüfung
Der häufigste Punktverlust im ersten Block ist ein Fachbegriff, der beim Patienten landet. „Sie haben eine Hypertonie, und die Beschwerden passen zu einer Angina pectoris“ ist ein korrekter medizinischer Satz und im Patientengespräch trotzdem ein Fehler. Nehmen Sie sich vor der Prüfung eine Liste vor und sprechen Sie sie laut:
- Hypertonie → Bluthochdruck
- Myokardinfarkt → Herzinfarkt
- Angina pectoris → Enge oder Druck in der Brust, weil das Herz zu wenig Blut bekommt
- Dyspnoe → Atemnot, Luftnot
- Ödem → Wasseransammlung im Gewebe
- Ikterus → Gelbfärbung der Haut, Gelbsucht
- Synkope → kurze Bewusstlosigkeit
- Vertigo → Schwindel
- Dysphagie → Schluckstörung
- Antikoagulation → Medikament, das das Blut dünnflüssiger hält
- Sonografie → Ultraschalluntersuchung
- Punktion → Entnahme mit einer Nadel
- nüchtern bleiben → vor der Untersuchung nichts essen und trinken
- Anamnese → Ihre Vorgeschichte, alles, was bisher war
Wenn ein Fachbegriff unvermeidbar ist — weil der Patient ihn selbst benutzt oder in einem Arztbrief gelesen hat — nennen Sie ihn und schieben die Erklärung hinterher: „Eine Ischämie, das heißt: eine Stelle am Herzen bekommt zu wenig Blut.“ Diese Doppelung ist keine Schwäche, sie ist genau das, was geprüft wird.
Die Fragen des Patienten sind Teil der Bewertung
Der simulierte Patient fragt. „Ist das was Schlimmes?“, „Kann das ein Herzinfarkt sein?“, „Muss ich hierbleiben?“ Wer über die Frage hinweggeht und mit der nächsten Anamnesefrage weitermacht, verliert Punkte — und zwar nicht in der Kategorie Medizin, sondern in der Kategorie Sprache und Gesprächsführung.
Ein Muster, das trägt: die Sorge benennen, ehrlich bleiben, das nächste Vorgehen nennen. „Ich verstehe, dass Ihnen das Angst macht. Sicher sagen kann ich es Ihnen jetzt noch nicht. Wir schreiben sofort ein EKG und nehmen Blut ab, dann wissen wir mehr — und Sie bleiben so lange hier bei uns.“ Drei Sätze, keine Zusage, die Sie nicht halten können, und keine Beschwichtigung, die falsch wäre.
Vermeiden Sie zwei Extreme: das Versprechen („Das ist bestimmt nichts Schlimmes“) und die Wand („Dazu kann ich nichts sagen“). Beide werden regelmäßig als unzureichende Reaktion auf die Patientenfrage gewertet.
Die sechs Fehler, die am häufigsten Punkte kosten
Aus der Auswertung von Übungssimulationen und aus dem, was die Kammern in ihren Hinweisen betonen, ergibt sich ein stabiles Muster:
- Medikamente ohne Dosis und ohne Dauer erfragt — oder gar nicht erfragt.
- Allergien vergessen. Das ist ein kritischer Punkt und fällt in jeder Auswertung auf.
- Familienanamnese ausgelassen, obwohl sie im Fall die entscheidende Information enthält (der Vater mit 62 am Herzinfarkt verstorben).
- Fachsprache mit dem Patienten, meist unbewusst und meist in der Zusammenfassung.
- Monolog statt Gespräch: fünf Fragen hintereinander, ohne die Antwort aufzugreifen.
- Keine Zusammenfassung am Ende, keine mitgeteilte Verdachtsdiagnose, keine Ankündigung des weiteren Vorgehens.
Alle sechs sind trainierbar, und alle sechs erkennt man nur, wenn man sich selbst hört. Das ist der Grund, warum eine aufgenommene Übungssimulation mehr bringt als eine weitere Liste.
Notizen: für den Bericht, nicht für die Prüfer
Papier und Stifte liegen bereit, die Notizen dürfen im zweiten und dritten Prüfungsteil benutzt werden und müssen am Ende abgegeben werden; in die Bewertung fließen sie nicht ein. Daraus folgt eine klare Empfehlung: Notieren Sie nicht in Sätzen, sondern in den Feldern, die Sie im Bericht wieder brauchen.
Legen Sie das Blatt vor dem Gespräch an: links eine Spalte für Beschwerden mit Zeitangaben, rechts vier Blöcke für Vorerkrankungen, Medikamente, Allergien und Familie/Sozial, unten zwei Zeilen für Verdachtsdiagnose und Differentialdiagnosen. Wer so notiert, schreibt den Bericht in der zweiten Station ab, statt ihn neu zu erfinden.
Wie man diesen Block sinnvoll übt
Lesen hilft für die Struktur, nicht für die Sprache. Was hilft: laut sprechen, unter Zeitdruck, mit einem Gegenüber, das nicht kooperiert — also nachfragt, ausweicht und unterbricht, wie echte Patienten es tun. Und danach die eigene Aufnahme anhören.
Drei Übungen mit gutem Verhältnis von Aufwand und Wirkung: erstens die Fachbegriff-Liste laut in Patientensprache übersetzen, bis es ohne Nachdenken geht. Zweitens eine Anamnese gegen die Uhr führen und danach prüfen, welche der sechs Standardblöcke fehlen. Drittens die letzten drei Minuten isoliert üben: Zusammenfassung, Verdachtsdiagnose, Vorgehen, Rückfrage.
Quellen
- Ärztekammer Westfalen-Lippe: Fachsprachenprüfung (Ablauf, Gebühr, Unterlagen)
- Ärztekammer Nordrhein: Fachsprachprüfung (Gebühr, Ablauf, Bewertung)
FSPreif ist mit keiner Ärztekammer verbunden. Gebühren, Fristen und Abläufe ändern sich; verbindlich ist immer die Auskunft deiner zuständigen Kammer und der Approbationsbehörde. Wir verlinken die amtlichen Seiten, damit du jede Angabe selbst nachlesen kannst.
Üben statt nachlesen
Du kannst die drei Blöcke hier vollständig simulieren: gesprochenes Patientengespräch, Arztbrief im Editor, Arzt-Arzt-Gespräch — und danach einen Bericht, in dem jede Aussage mit einem Zitat aus deiner eigenen Aufnahme belegt ist. Die erste Simulation ist kostenlos.